Über den Mut, etwas anderes zu probieren

(Stuttgart) – Prof. Dr. Petra Kluger leitet das Institut für Grenzflächentechnik und Plasmatechnologie IGVP der Universität Stuttgart sowie das Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB. Zuvor war sie W3-Professorin für Tissue Engineering und Biofabrikation an der Hochschule Reutlingen; bis 2023 auch deren Vizepräsidentin. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Biofabrikation funktioneller Gewebe für biomedizinische Anwendungen, und sie beschäftigt sich intensiv mit der Entwicklung zellbasierter Lebensmittel für kultiviertes Fleisch. Ein Thema, so die Erfahrung der Forscherin, das nicht nur eine Geschmacksfrage ist. Sie vertraut aber auf die Neugierde, etwas anderes auszuprobieren – nicht nur beim Essen.

BioRegio-Stern-Frau-Prof-Kluger_0081.jpg

Prof. Dr. Petra Kluger

/
Copyright: Andreas Körner/ BioRegio STERN Management GmbH

Seit 2025 leitet Prof. Kluger – zusätzlich zu ihrer Professur an der Universität Stuttgart – das Fraunhofer IGB. Das Institut mit annähernd 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wurde ihr privater Karriere-Inkubator: Denn es war mehr als eine glückliche Fügung des Schicksals, dass sie – nach einem kurzen Ausflug in die Zoologie – für ihre Diplomarbeit beim IGB landete. „Hier wurden damals schon Hautmodelle als Alternative zum Tierversuch entwickelt. Und ich hatte ja festgestellt, dass ich zu zart besaitet bin, um Tiere zu töten. Da ich aber trotzdem etwas Anwendungsnahes machen wollte, habe ich mich beworben.“ Sie wurde angenommen, und das Thema ihrer Diplomarbeit, bei dem es darum ging, Stammzellen aus der Haut zu verwenden, um Hautmodelle aufzubauen, sollte dann ihre gesamte Berufsplanung in eine neue Richtung lenken: „Ich habe mich sofort in die Literatur vertieft, 50 Publikationen gelesen. Es war ein großes junges Thema und es war genau meins.“ Im Rahmen ihrer Promotion beschäftigte sie sich dann mit der Frage, wie Oberflächen, wenn sie topografisch oder chemisch verändert werden, das Verhalten von Keratinozyten, also Zellen der Oberhaut bzw. Epidermis, beeinflussen. Daraus sollten Entwicklungen für Implantate oder Hautmodelle abgeleitet werden. 2013 wurde sie Leiterin der Abteilung Zell und Tissue Engineering des IGB und 2017 folgte sie dem Ruf an die Hochschule Reutlingen als Professorin für Tissue Engineering und Biofabrikation. 

„Beim kultivierten Fleisch wurstelt jeder vor sich hin.“

„Wir habe sehr viel mit humanem Fettgewebe und den darin enthaltenen Zellen gearbeitet und ich wurde daher 2018 zu einer Konferenz eingeladen, bei der es um Tissue Engineering von kultiviertem Fleisch ging“, berichtet Kluger. „Ich wunderte mich, dass wenig Leute aus der Biomedizin dabei waren. Dabei sind viele Schritte ähnlich, aber eben nicht so kompliziert, da das gezüchtete Gewebe am Ende gegessen und nicht implantiert wird.“ Aber sie stellte auch fest, dass bei dieser Konferenz Menschen versammelt waren, denen es um gesellschaftlichen Sinn ging und die dafür bereit waren „out of the box“ – jenseits eingefahrener Denkmuster – zu denken. „In meiner biomedizinischen Forschung ging es bereits um ethische Aspekte. Ich wollte Tierversuche reduzieren oder sogar ersetzen durch bessere Zell- und Gewebemodelle beispielsweise für die Zulassung von Medikamenten“, sagt Kluger. „Bei jener Konferenz erkannte ich, dass es noch einen ganz anderen Bedarf für mein Forschungsgebiet gibt, den ich bis dahin nicht wahrgenommen hatte, der aber auch von existenzieller Bedeutung ist: Wie können Milliarden von Menschen in Zukunft noch ernährt werden?“

Kluger bedauert es daher sehr, dass auch heute nur wenige Forscher den Wechsel oder die Ergänzung von der Biomedizin in die Lebensmittelbranche wagen. „Gemeinsame Forschung an der biotechnologischen Herstellung von Fleisch benötigt neue Exzellenzzentren. Auch wenn es um Ernährung geht, ist das eben kein klassisches Agrarthema. Der Bereich alternative Proteine ist für unsere Zukunft extrem wichtig, insbesondere in Bezug auf die Versorgungssicherheit. In anderen europäischen Ländern, den USA, Israel und China gibt es bereits solche Zentren. Aber in Deutschland wurstelt beim kultivierten Fleisch bisher jeder vor sich hin. Das ist nicht effizient.“ 

Nach der Konferenz 2018 habe sie feststellen müssen, dass man mit dem Thema nicht unbedingt Türen öffnet, erinnert sich Kluger. Fördergelder zu bekommen, war und ist alles andere als einfach. Gemeinsam mit ihrem Team entwickelte sie an der Hochschule Reutlingen dennoch einen Ansatz, bei dem die Vorläufer von Muskel- und Fettzellen dazu angeregt werden, sich während ihres Wachstums zusammenzuschließen. Dadurch können sie Aggregate aus Zehntausenden von Zellen bilden, die dann zu Muskel- und Fettzellen ausreifen, die identisch mit jenen in tierischem Fleisch sind. Die Wissenschaftlerin nutzte dafür auch bereits Erkenntnisse aus dem Gebiet der Biofabrikation, um die Masse der tierischen Zellen zu vergrößern und die Produktionsumfänge zu steigern. Auch über eine Gründung hat sie damals nachgedacht, sich aber letztlich dagegen entschieden, ohne diesen Schritt für die Zukunft ganz auszuschließen: „Ich würde nie allein gründen, aber mitgründen könnte ich mir schon vorstellen. Vor allem kann ich in meiner jetzigen Position Gründungen ideal unterstützen.“

Pressekontakt:
BioRegio STERN Management GmbH
Dr. Klaus Eichenberg
Friedrichstraße 10
70174 Stuttgart
0711-870354-0
eichenberg@bioregio-stern.de
https://www.linkedin.com/

Redaktion:
Zeeb Kommunikation GmbH
Anja Pätzold
Lindenstraße 12
12527 Berlin
0711-6070719
info@zeeb.info

Quelle:
BioRegio STERN Management GmbH