Life-Sciences als Wachstumsmarkt: Wie Industriekompetenz neue Geschäftsfelder erschließen kann
Wenn etablierte Märkte unter Druck geraten, wird die Suche nach neuen Geschäftsfeldern schnell zur strategischen Aufgabe. Gerade Unternehmen aus Maschinenbau, Metallverarbeitung, Automobilzulieferung, IT und Engineering verfügen über Technologien und Produktionskompetenzen, die sie auch für andere Branchen einsetzen können. Eine dieser Branchen: die Life-Sciences.

Welche Chancen sich daraus konkret ergeben, wo der Einstieg gelingt und welche Anforderungen Unternehmen dabei kennen müssen, stand am 29. September 2026 bei der Veranstaltung „Life-Sciences: Wachstumsmarkt für Industrie und Mittelstand“ im Mittelpunkt. Die IHK Region Stuttgart und die BioRegio STERN Management GmbH hatten dazu rund 60 Teilnehmende nach Stuttgart eingeladen.
Schon im Verlauf des Vormittags wurde deutlich: Für viele Unternehmen ist der Schritt in die Life-Sciences längst keine abstrakte Zukunftsoption mehr. Ein großer Teil der Teilnehmenden beschäftigte sich bereits konkret mit einem Markteinstieg. Entsprechend praxisnah verlief der Austausch über Geschäftschancen, technologische Anforderungen, regulatorische Rahmenbedingungen und mögliche Kooperationen.
Demografischer Wandel verändert Märkte

Dr. Thorsten Pilgrim, Geschäftsführer der ViaMed GmbH und Vizepräsident der IHK Region Stuttgart
/ Copyright: Leif Piechowski/ BioRegio STERN Management GmbHZum Auftakt ordnete Dr. Thorsten Pilgrim, Geschäftsführer der ViaMed GmbH und Vizepräsident der IHK Region Stuttgart, das Thema aus mehreren Perspektiven ein: als Arzt, Unternehmer und Vertreter der Wirtschaft.
Der demografische Wandel stelle das Gesundheitswesen vor erhebliche Herausforderungen – eröffne gleichzeitig aber auch neue wirtschaftliche und technologische Möglichkeiten. Dabei gehe es langfristig nicht allein darum, Krankheiten besser zu managen. Prävention müsse deutlich stärker in den Mittelpunkt rücken. Damit war eine zentrale Frage des Tages gesetzt: Welche Lösungen braucht ein Gesundheitssystem, das sich angesichts steigender Anforderungen verändern muss – und welche Kompetenzen können Unternehmen aus anderen Industriezweigen dazu beitragen?
Michael Kleiner, Ministerialdirektor im Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg, rückte anschließend die wirtschaftliche Dimension in den Fokus. Die Life-Sciences gehörten bereits heute zu den bedeutenden Leitindustrien und trügen überdurchschnittlich zur Wertschöpfung bei. Gerade Baden-Württemberg verfüge über eine besondere Ausgangslage: Forschung, Life-Sciences-Unternehmen und ein hoch entwickelter industrieller Mittelstand liegen räumlich eng beieinander.
Aus dieser Nähe allein entsteht jedoch noch keine Innovation. Sie muss in Kooperation übersetzt werden.
Michael Kleiner, Ministerialdirektor im Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg
/ Copyright: Leif Piechowski/ BioRegio STERN Management GmbHWenn Industrie-Know-how auf Life-Sciences trifft
Genau an diesem Punkt setzte Dr. Klaus Eichenberg, Geschäftsführer der BioRegio STERN Management GmbH, mit seiner Keynote „Neue Geschäftschancen für branchenfremde Unternehmen“ an.

Dr. Klaus Eichenberg, Geschäftsführer der BioRegio STERN Management GmbH
/ Copyright: Leif Piechowski/ BioRegio STERN Management GmbHLife-Sciences sind längst nicht mehr ausschließlich ein Feld für klassische Pharma-, Biotechnologie- oder Medizintechnikunternehmen. Biotechnologische Verfahren, Automatisierung, Digitalisierung und datenbasierte Prozesse finden in immer mehr Anwendungsfeldern ihren Platz.
Für Industrieunternehmen stellt sich deshalb weniger die Frage, ob ihre Technologien grundsätzlich relevant sein können, sondern wo sich konkrete Schnittstellen finden.
Ein entscheidender Hebel liegt dabei in der Skalierung. Während viele Prozesse in Forschung und Life-Sciences noch stark durch manuelle Arbeit und kleine Produktionsmaßstäbe geprägt sind, können industrielle Kompetenzen aus Maschinenbau, Produktionstechnik und Automatisierung helfen, Prozesse reproduzierbarer, effizienter und skalierbarer zu machen.
Engineering Excellence als Innovationsmotor
Wie groß dieser Bedarf ist, zeigte Dipl.-Ing. Andreas Traube vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA. Unter dem Titel „Turning Engineering Excellence into Life Science Innovation“ rückte er unter anderem Produktion, Automation, Datenintegration und Standardisierung in den Mittelpunkt.

Dipl.-Ing. Andreas Traube vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA
/ Copyright: Leif Piechowski/ BioRegio STERN Management GmbHGerade gemeinsame Standards können Innovation beschleunigen. Traube zog dabei Parallelen zur Entwicklung der Computerindustrie: Erst durch Standardisierung konnten Komponenten, Systeme und Anwendungen in großem Maßstab miteinander verbunden und weiterentwickelt werden.
Ein ähnlicher Entwicklungsschritt könnte auch in den Life-Sciences neue Dynamik erzeugen. Denn viele technologische Lösungen existieren bereits – häufig jedoch als Einzellösungen. Für den industriellen Maßstab braucht es Schnittstellen, standardisierte Prozesse und Systeme, die miteinander kommunizieren können. Hier liegt ein Feld, in dem Engineering-Kompetenz aus anderen Branchen unmittelbar anschlussfähig wird.
Life-Sciences brauchen starke Industriepartner
Neue Anwendungen entstehen nicht allein im Labor. Sie benötigen Sensorik, Fertigungstechnik, Komponenten, Qualitätssicherung und robuste Produktionsprozesse. Wie ein solcher Übergang vom klassischen Zulieferer zum Life-Science-Partner aussehen kann, machte Dipl.-Ing. Michael Jauss von KWO Kunststoffteile und BlueLab Wassersysteme anhand konkreter Erfahrungen deutlich.

Dipl.-Ing. Michael Jauss von KWO Kunststoffteile und BlueLab Wassersysteme
/ Copyright: Leif Piechowski/ BioRegio STERN Management GmbHSeine Perspektive: Die Innovationskraft, die insbesondere im Umfeld der Automobilindustrie und ihrer Zulieferer aufgebaut wurde, wird für neue Märkte bislang nicht konsequent genug genutzt. Gerade in den Life-Sciences könne dieses Know-how einen erheblichen Beitrag leisten.
Gleichzeitig zeigte Jauss, dass technologische Möglichkeiten und bestehende Prozesse nicht immer auf demselben Stand sind. Anforderungen, Normen oder Arbeitsweisen basieren teilweise auf Strukturen, die entstanden sind, bevor heutige Automatisierungs- und Digitalisierungsmöglichkeiten verfügbar waren.
Ein Beispiel ist das Probenhandling im Feld. Statt einzelner manueller Schritte und komplexer Einzelkomponenten könnten künftig stärker automatisierte Systeme zum Einsatz kommen – bis hin zu kontinuierlichem Monitoring direkt vor Ort. Was heute noch regelmäßige Probenahmen erfordert, könnte so langfristig zu einem automatisierten Prozess werden.
Vom Vortrag zum Austausch
Nach den Impulsen verlagerte sich der Schwerpunkt bewusst von der Bühne in die Diskussion. Bei der Podiumsrunde „Wachsen mit Life Sciences“, moderiert von Alexander Kempf von der BioRegio STERN Management GmbH, wurden die Perspektiven des Vormittags zusammengeführt.
Podiumsrunde „Wachsen mit Life Sciences“, moderiert von Alexander Kempf
/ Copyright: Leif Piechowski/ BioRegio STERN Management GmbHIm Zentrum stand dabei nicht nur die Frage, welche Technologien gefragt sind. Ebenso relevant war, wie Unternehmen überhaupt den Zugang zur Branche finden, welche Partnerschaften sie benötigen und wie sich unterschiedliche Innovationskulturen miteinander verbinden lassen.
Denn Life-Sciences folgen anderen Marktlogiken als viele klassische Industrien. Entwicklungszeiten, Qualitätssicherung und regulatorische Anforderungen spielen eine besondere Rolle. Gleichzeitig können gerade Unternehmen mit Erfahrung in Serienproduktion, Automatisierung oder hochpräziser Fertigung Fähigkeiten einbringen, die für die nächste Entwicklungsstufe vieler Life-Science-Anwendungen entscheidend sind.

Podiumsrunde „Wachsen mit Life Sciences"
/ Copyright: Leif Piechowski/ BioRegio STERN Management GmbHDass zahlreiche Teilnehmende bereits mit konkreten Überlegungen zum Markteintritt gekommen waren, zeigte sich auch in den Gesprächen während der Netzwerkpausen. Der Bedarf an Orientierung war ebenso vorhanden wie das Interesse an neuen Kontakten zu Forschungseinrichtungen, Unternehmen und möglichen Projektpartnern.
Gute Ideen brauchen auch den richtigen Rahmen
Zum Abschluss rückte Özgül Boztepe von BIOPRO Baden-Württemberg die Förder- und Kooperationslandschaft in den Blick. Sie zeigte Möglichkeiten auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene und erläuterte, wie Unternehmen geeignete Programme und Partnerschaften für Innovationsprojekte erschließen können.
Gerade für Unternehmen, die einen neuen Markt betreten, können solche Instrumente entscheidend sein. Denn der Einstieg in die Life-Sciences verlangt häufig nicht nur neue technologische Anwendungen, sondern auch Kooperationen, Entwicklungsprojekte und zusätzliches Know-how.
Gruppenbild der Speaker und Moderatoren der Veranstaltung.
/ Copyright: Leif Piechowski/ BioRegio STERN Management GmbHJetzt entscheidet sich, welche Kompetenzen den Weg in neue Märkte finden
Am Ende der Veranstaltung stand deshalb weniger ein einzelner Lösungsweg als vielmehr ein deutliches Gesamtbild: Die technologischen Kompetenzen für viele der kommenden Herausforderungen sind in der Region bereits vorhanden.
Produktions-Know-how, Automatisierung, Sensorik, Kunststofftechnik, Digitalisierung und Engineering treffen auf eine Life-Sciences-Branche mit wachsendem Bedarf an skalierbaren, sicheren und intelligenten Lösungen.
Die entscheidende Aufgabe besteht nun darin, diese Welten stärker miteinander zu verbinden.
Die Teilnehmer haben ausreichend Zeit zum Austausch und Netzwerken.
/ Copyright: Leif Piechowski/ BioRegio STERN Management GmbHDie Teilnehmer haben ausreichend Zeit zum Austausch und Netzwerken.
/ Copyright: Leif Piechowski/ BioRegio STERN Management GmbHDie Veranstaltung „Life-Sciences: Wachstumsmarkt für Industrie und Mittelstand“ hat dafür Orientierung gegeben, konkrete Anwendungsfelder sichtbar gemacht und Akteure miteinander ins Gespräch gebracht. Vor allem aber zeigte sie: Der Transfer von Industriekompetenz in die Gesundheitswirtschaft ist keine theoretische Perspektive. Für viele Unternehmen hat er bereits begonnen.
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