SustainMed: Nachhaltigkeit im Klinikalltag zwischen Anspruch und Umsetzung
Nachhaltigkeit im Krankenhaus ist kein abstraktes Ziel, sondern zeigt sich im Detail des Alltags: im Verbrauch von Handschuhen, in der Menge an Verpackungsmaterial oder in der Frage, wie konsequent Abfälle getrennt werden. Genau hier setzt das Projekt SustainMed an, das im September 2025 eine erneute Förderung erhalten hat. Aufbauend auf den Ergebnissen des ersten Projekts werden bestehende Ansätze weiterentwickelt und unter realen Bedingungen überprüft. Auch SustainMed 2.0 wird vom Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg mit rund 680.000 EUR gefördert.
Breit angelegte Befragung als Ausgangspunkt
Bereits im Jahr 2024 wurde im Rahmen von SustainMed 1.0 eine breit angelegte Befragung innerhalb der BG Klinik Tübingen durchgeführt. Innerhalb von drei Monaten beteiligten sich Mitarbeitende aus nahezu allen Bereichen – von Pflege und ärztlichem Dienst über Verwaltung bis hin zu Technik und IT. Die Umfrage umfasste 24 Fragen, etwa die Hälfte davon als Freitext angelegt, und lieferte ein differenziertes Bild des Ressourcenverbrauchs im Klinikalltag.
Die Ergebnisse waren eindeutig: Rund die Hälfte der Teilnehmenden sah konkrete Möglichkeiten zur Reduktion von Materialeinsatz. 46 % nannten explizit Produkte mit Einsparpotenzial. Besonders häufig wurde Papier erwähnt – von Drucker- und Kopierpapier bis hin zu Formularen und Rezepten. Der Wunsch nach stärkerer Digitalisierung zog sich als wiederkehrendes Motiv durch viele Antworten. Darüber hinaus wurden Einweginstrumente, Verbandmaterialien, Handschuhe und Verpackungsabfälle als zentrale Verbrauchstreiber identifiziert.
Aus diesen Rückmeldungen wurden gezielt Handlungsfelder abgeleitet. Zwei Themen wurden als „Best Practices“ dabei besonders in den Fokus gerückt: der Einsatz von Handschuhen und die Abfalltrennung im Operationssaal.
Die Umsetzung erster Maßnahmen begann bereits 2025. Schulungen, Informationskampagnen und organisatorische Anpassungen sollten nicht nur Wissen vermitteln, sondern konkrete Verhaltensänderungen unterstützen. Dabei zeigte sich früh, dass technische Lösungen und Informationsformate allein nicht ausreichen. Entscheidend sind klare Strukturen, nachvollziehbare Prozesse und die Einbindung aller Beteiligten.
Abfalltrennung im OP: Pilotphase und Skalierung
Ein Beispiel dafür ist die Einführung neuer Abfalltrennungssysteme im OP. Zunächst wurde das Konzept in einem einzelnen Saal getestet. Ergänzend dazu wurde im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit der nicht kontaminierte Abfall aus der Vorbereitung ausgewählter Standardoperationen systematisch erfasst, getrennt und analysiert. Die Ergebnisse zeigen, dass etwa 70 % des recycelbaren Materials aus Kunststoff bestehen, rund 30 % aus Papier.
Auf Basis der OP-Zahlen des Jahres 2025 wurde berechnet, welches Einsparpotenzial allein durch eine konsequente Trennung dieser Abfälle entsteht. Bereits in der Vorbereitungsphase lassen sich demnach mehrere Tonnen an Emissionen vermeiden. Nach erfolgreicher Pilotierung wurde das System auf den gesamten OP-Bereich ausgeweitet. Aktuell wird zudem geprüft, inwieweit sich das Konzept auf Normalstationen übertragen lässt.
Handschuhverbrauch: Zwischen Hygiene und Routine
Parallel dazu wurde im Handlungsfeld „Handschuhe“ angesetzt. Verbrauchsdaten aus dem Jahr 2023 zeigen, dass Untersuchungshandschuhe mit mehr als drei Millionen verbrauchten Exemplaren zu den am häufigsten genutzten Produkten gehören. Auffällig ist, dass der während der COVID-19-Pandemie gestiegene Verbrauch auch danach nicht wieder zurückging. Als mögliche Erklärung wird ein verändertes Sicherheitsempfinden diskutiert.
Aus hygienischer Sicht ist der Einsatz von Handschuhen jedoch klar geregelt. Eine nicht indizierte Verwendung kann sogar nachteilige Effekte haben. In Abstimmung mit der Klinikhygiene und auf Grundlage der Empfehlungen des Robert Koch-Institut wurden daher Schulungsmaterialien entwickelt, darunter ein Plakat, das typische Einsatzsituationen strukturiert darstellt und als Orientierung im Alltag dient.
Evaluation der Maßnahmen: Wahrnehmung und Akzeptanz
Oktober 2025 und Januar 2026 wurde eine zweite Befragung durchgeführt, um die Wirkung der Maßnahmen zu evaluieren. Insgesamt nahmen 121 Personen teil, ein Großteil davon aus der direkten Patientenversorgung (44 %). Rund zwei Drittel gaben an, das Projekt zu kennen, und berichteten von wahrnehmbaren Veränderungen im Arbeitsalltag. Die Bewertung dieser Veränderungen fällt differenziert aus: 41 % bewerten sie positiv, 38 % neutral und 21 % negativ.
Die Abfalltrennung im OP wird mehrheitlich (57 %) befürwortet, gleichzeitig verweisen kritische Stimmen auf einen praktischen Mehraufwand und begrenzte Platzverhältnisse. Auch die Handschuhplakate wurden von der Mehrheit der Teilnehmenden wahrgenommen, stoßen jedoch nicht durchgehend auf Zustimmung. So sind 42% der Teilnehmer den Plakaten gegenüber neutral eingestellt, 39% finden sie gut und 19 % eher schlecht. Skepsis wird vor allem hinsichtlich der Alltagstauglichkeit oder des tatsächlichen Nutzens geäußert. Zudem wünschen sich einige Mitarbeiter weitere Maßnahmen wie live- oder online-Schulungen zu Handschuhen.
Zwischen Erkenntnis und Umsetzung
Die Ergebnisse zeigen, dass Nachhaltigkeit im Klinikbetrieb kein Selbstläufer ist. Technische Lösungen und Informationsangebote sind wichtige Bausteine, reichen jedoch nicht aus, um dauerhaft Verhaltensänderungen zu etablieren. Entscheidend ist, dass Maßnahmen in bestehende Abläufe integriert werden und von den Beteiligten als sinnvoll und praktikabel wahrgenommen werden.
SustainMed macht damit sichtbar, wo Potenziale liegen – und wo Zielkonflikte entstehen. Das Bewusstsein für Ressourcenverbrauch ist in vielen Bereichen vorhanden. Der nächste Schritt besteht darin, daraus belastbare Strukturen zu entwickeln, die ökologische Aspekte dauerhaft im Klinikalltag verankern.
Weitere Informationen
Link: https://sustainmed.eu/
Finanziert aus Landesmitteln, die der Landtag Baden-Württemberg beschlossen hat.
https://sustainmed.eu/aktuelles