02.03.2006 | News

BioRegio STERN Interview mit Robert Guilleaume, Geschäftsführer der Esslinger Arthro Kinetics plc, anlässlich des Börsenganges am 02. März 2006

Warum wählten Sie für das Going public der Arthro Kinetics plc den Alternative Investment Market (AIM) der Londoner Börse (LSE)?

Wie haben Sie als Geschäftsführer den Börsengang der Arthro Kinetics plc erlebt?

Es war in jeder Hinsicht sehr anstrengend. Man muss sich vollständig auf dieses Thema konzentrieren. Ich habe eine Woche lang keine warme Mahlzeit mehr zu mir genommen, aber jetzt löst sich die Spannung und macht der Freude über den gelungenen Börsenstart Platz.

Wir haben uns in Europa umgesehen, hier sind viele neue Märkte verschwunden, als im Jahr 2000 die Börsenblase platzte. Jetzt etablieren sich diese neuen Märkte auf einem solideren Niveau langsam wieder. Der AIM hat die ganzen Turbulenzen mitgemacht. Es sind dort über 2.000 Unternehmen gelistet; die Börse ist international ausgerichtet mit amerikanischen, europäischen und auch asiatischen Unternehmen. Wir wollten kein Versuchskaninchen sein, das war ein Argument für den größten Finanzplatz Europas. Wir fühlen uns dort auch deshalb gut aufgehoben, weil in Deutschland die Zurückhaltung bei den Investitionen im Vergleich zu Großbritannien noch sehr ausgeprägt ist. In London herrscht nicht so eine Katerstimmung. In Deutschland wären wir unter Schlagworten wie Biotechnologie abgelegt worden, die momentan am Finanzmarkt noch keinen besonders guten Klang haben, obwohl alle Fakten eine andere Sprache sprechen. Derartigen Risiken wollten wir uns nicht aussetzen.

Warum haben Sie sich für die japanische Nomura Code Securities als Emissionsbank entschieden?

Die japanische Bank ist gar nicht so japanisch - Code Securities ist eine Spezialbank für Life Science, die von ehemaligen Mitarbeitern der West LB gegründet wurde. Die Hälfte der Leute dort spricht genauso gut Deutsch wie Englisch. Die Bank wurde erst im Januar von der japanischen Nomura übernommen, wir haben von ihrem großen Netzwerk profitiert und vertrauen den Spezialisten von Code, weil sie in den letzten zwölf Monaten acht erfolgreiche IPOs (Initial Public Offering, erstes öffentliches Anbieten der Aktien) am AIM gemanagt haben, die alle nach wie vor über Wasser sind.

Sie haben im Januar 2006 mit dem Medtech-Unternehmen EKL Ltd. (Manchester, UK) fusioniert. Wie wird sich die Arthro Kinetics plc am Standort Esslingen entwickeln?

Die Arbeit wird weiterhin hier in Esslingen konzentriert sein. Für Implantate und Instrumente, für Maschinen, für FuE und für die Produktion werden weiterhin Aufträge in der Region vergeben. Von der Übernahme der EKL Ltd. werden auch die Lieferanten aus dem baden-württembergischen Raum profitieren. Die Kooperation in der Region wird sogar intensiviert werden, denn EKL Ltd– und jetzt die Arthro Kinetics - ist im Wirbelsäulenbereich tätig, und die benötigten Instrumente werden hier hergestellt. Der Standort Esslingen in der BioRegion STERN wird weiter ausgebaut, wir werden hier sechs bis acht zusätzliche Stellen schaffen.

Im Juli 2005 erhielten Sie 1,6 Millionen Euro BMBF-Förderung, jetzt sind Sie an der Börse. Was ist Ihr nächstes Ziel?

Das nächste Ziel ist, das Versprechen, das wir mit dem Börsengang gegeben haben einzulösen. Wir werden unsere Vision jetzt umsetzen. Wir sind ja kein Nischenanbieter, der lediglich Knorpelzellen multipliziert, sondern wir stellen komplette Produkte her. Das nächste wird in Kürze auf den Markt kommen. Es wird auch Zeit, dass wir die Produkte im Meniskus- und Bandscheiben-Bereich weiterbringen; d.h. wir werden die tierexperimentellen Versuche abschließen und planen in den nächsten zwölf bis 18 Monaten die ersten klinischen Einsätze. Dadurch werden wir ganz neue Möglichkeiten der regenerativen Medizin im Orthopädiebereich schaffen. Die Regeneration einer gesamten Gelenkfläche, z.B. durch ein Meniskusimplantat, wird die Knorpelbehandlungen ergänzen. Das ist unsere Vision, die uns von anderen unterscheidet.

Arthro Kinetics ist das einzige Unternehmen außerhalb der USA, das Zellimplantate für die USA herstellen darf. Was machen Sie richtig?

Man muss den orthopädischen Markt in den USA sehr genau kennen und nicht nur wissenschaftliche, sondern auch praktische Erfahrung mitbringen. Außerdem darf man nicht überheblich auftreten. Das Schlimmste was man machen kann, ist zu sagen: Jetzt erzählen wir euch mal, wie das geht. Wir haben sehr früh das Gespräch mit den zuständigen Leuten und Behörden gesucht, um im Vorfeld abzuklären welche Erwartungen an das Studiendesign gestellt werden. Wir haben dann alles so zusammengestellt, wie es die Behörde gewünscht hat. Außerdem haben wir den Vorteil, dass wir mit einem sehr renommierten klinischen Partner, der Cleveland Clinic Foundation in Ohio, zusammenarbeiten. Solche Namen haben in den USA natürlich Gewicht; die Behörden haben einfach mehr Vertrauen, wenn ein namhaftes Institut kooperiert, das auch selber etwas zu verlieren hat. Man kann es als deutsches Unternehmen in den USA durchaus schaffen, wenn man mit der nötigen Umsicht vorgeht. Aber man muss überzeugen, sie haben schließlich nicht auf uns gewartet.

Nach der Aufregung um den Börsengang: Was wünschen Sie sich jetzt?

Jetzt kommt wieder der ganz normale Wahnsinn, den ich die letzten Jahre auch hatte. Aber ich schätze das operative Geschäft und den Einfluss, den man dabei hat. Ich wünsche mir, dass wir das Unternehmen weiterhin in einem so konstruktiven Klima mit unseren Kunden und den Mitarbeitern führen können, wie das bislang der Fall war. Der Charakter eines Unternehmens ändert sich, wenn es sich sehr schnell entwickelt; wir wollen auch in Zukunft lieber ein bisschen kreatives Chaos dulden, als eine Bürokratie aufzubauen. Auch wenn wir jetzt eine öffentliche Institution sind, sozusagen.
Zum Feiern sind wir noch nicht gekommen. Wenn alle Kollegen Anfang März zusammengekommen sind, werden wir das nachholen. Aber ich habe mit meiner Frau, die in letzter Zeit einiges auszuhalten hatte, ein Glas Champagner getrunken. Im April werden wir dann mal wieder Urlaub machen – zum ersten Mal seit zwei Jahren. Darauf freuen wir uns beide.

Herr Guilleaume, wir danken Ihnen für das Gespräch.