13.02.2008
IZST: Uni-Kooperation gibt neue Impulse
Die Universitäten Stuttgart und Tübingen haben im Oktober 2007 eine bilaterale Exzellenzinitiative gestartet: Das Interuniversitäre Zentrum für Medizinische Technologien Stuttgart - Tübingen, kurz IZST, ist eine neue Plattform, um Synergien in Forschung und Lehre besser zu nutzen.
Was genau hinter den IZST Clustern steckt, welche Projekte geplant und bereits in Arbeit sind, stellen wir Ihnen in den nächsten Wochen hier ausführlich vor. In lockerer Folge beleuchten wir die Aktivitäten der Partner im IZST und erklären, welcher praktische Nutzen daraus erwachsen soll.
Die Medizintechnik ist eine der Schlüsseltechnologien der Zukunft. Die wachsende Alterspyramide und der Wunsch eines jeden, auch im Alter bei guter Gesundheit zu sein, lassen den Bedarf an neuen, kostengerechten Behandlungsverfahren wachsen. Jede der beiden beteiligten Universitäten hat herausragende Kompetenzen, die sich auf dem Gebiet der Medizintechnik ergänzen: in Tübingen insbesondere die medizinische Fakultät, die seit jeher - neben der reinen Medizin - auch einen besonderen Schwerpunkt Medizintechnik verfolgt; in Stuttgart die ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten, die sich schwerpunktmäßig der ingenieurgeprägten Medizintechnik, der Grenzflächen- und Biomaterial-Forschung widmen.
Hier wie dort sind Forschungs- und Entwicklungsabteilungen entstanden, die vielfach auch medizinische Felder berühren. Mehr noch, sie haben sich teilweise auf rein medizintechnische Fragestellungen spezialisiert und zwar auf eine einzigartige interdisziplinäre Art und Weise, die schon früh medizinisch-naturwissenschaftliche beziehungsweise technische Fächer zusammenführte.
Das passt zur historischen Entwicklung, in deren Verlauf die Medizintechnik als starker Wirtschaftsfaktor im Südwesten Deutschlands entstand. Die beidseitige Nähe zum Medical Valley im Raum Hechingen, zu vielen Medtech-Firmen und - Instituten in der STERN-Region und vor allem auch zu Unternehmen aus dem Raum Tuttlingen steht für die räumliche Konzentration. Hier befruchten sich Forscher, Hersteller und Anwender kontinuierlich mit ihren Ideen.

Prof. Dr.-Ing. Heinrich Planck (Foto:ITV)
Wie gut ihre Medtech-Kompetenzen zusammen passen, ist den Hochschulen natürlich nicht erst heute aufgefallen. Schon seit vielen Jahren gibt es einzelne Kooperationen und Netzwerkaktivitäten. Mit dem IZST werden sie jetzt auf eine breite Basis gestellt, die unter strukturierten Bedingungen ganz neue Möglichkeiten bietet. Diese Entwicklung wird maßgeblich von den beiden Direktoren des IZST gesteuert: Prof. Dr. med. Claus Claussen von der Uni Tübingen und Prof. Dr.-Ing. Heinrich Planck von der Uni Stuttgart. Beide sind netzwerkerfahrene Persönlichkeiten, die sich bereits im Vorfeld der Zentrumsgründung engagiert haben. Bei der Leitung des IZST werden sie von einem siebenköpfigen Beirat unterstützt, dem neben jeweils einem Angehörigen beider Universitäten vor allem Vertreter aus der Wirtschaft und einer Krankenkasse angehören.
Den Rahmen der einzelnen Fakultäten sprengen
Planck fasst zusammen, wie sich das Zentrum positionieren soll: „Die Medizintechnik befasst sich interdisziplinär mit Fragestellungen, die gemeinsam von Medizinern, Naturwissenschaftlern und Ingenieuren bearbeitet werden. Das IZST bildet keinen formal bindenden Rahmen, es ist keine rechtliche Konstruktion, bei der die einzelnen Partner auf gemeinsame Forschungsmittel zurückgreifen, jedenfalls noch nicht. Die Klammer ergibt sich aus allen Beteiligten, die der Meinung sind, es sei besser, gemeinsam zu agieren, denn gemeinsam sind wir stärker.“ Claussen ergänzt: „Das gemeinsame Bewusstsein resultiert auch daraus, dass im Bereich Medizintechnik für eine erfolgreiche Forschung und Entwicklung viele Disziplinen zusammenwirken müssen. Die Gemeinschaft, eine schlagkräftige Mannschaft, wird schrittweise größer, sie ist effektiver als der Wirkungsbereich des Einzelnen.“
Dieser Geist trägt das Zentrum und war ein wichtiger Gründungsgrund. „Es kann nicht sein, dass uns besser bekannt ist, was unsere Kollegen und Konkurrenten in Stanford oder Rom tun, als das, was ein paar Kilometer weiter geschieht. Das wollen wir ändern. Und je größer die Gemeinschaft ist, je eher findet man die passende Expertise. So entstehen Synergieeffekte“, bekräftigt Claussen. Ihm ist ebenso wie Planck und den weiteren Partnern klar, dass ein breiter Zusammenschluss nicht spontan funktioniert. „Das braucht Zeit und Commitment. Der zu erkennende Mehrwert muss durch die Kooperationen noch weiter ausgebaut werden“, so Planck. Mit dieser Strategie wollen die Akteure für das IZST eigene Ressourcen sichern, sich die finanzielle Unterstützung durch Öffentliche Gelder und die Industrie verdienen.
Mit gemeinsamer Lehre das Netz enger knüpfen
Die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist neben der Forschung und der Projektarbeit eine wichtige Säule des IZST. „Innerhalb der nächsten drei Monate werden wir ein Konzept für einen gemeinsamen Bachelor- und Master-Studiengang Medizinische Technologie erarbeiten, der zum Wintersemester 2009/10 starten soll“, sagt Dr. Ludger Schnieder. Als Geschäftsführer des Kompetenzzentrums MITT am Universitätsklinikum Tübingen hat er die Planung des IZST von Anfang an begleitet und wirkt nun als Koordinator mit.
Schnieder nennt bereits Details zur Planung: „Zunächst soll der Studiengang als Bachelor angeboten werden, der an beiden Universitäten gemeinsam unterrichtet wird. Darauf aufbauend sollen sowohl in Stuttgart als auch in Tübingen mehrere Masterstudiengänge entstehen.“ Das vorrangige Ziel ist, einen interdisziplinären wissenschaftlichen Nachwuchs in den verschiedenen Bereichen der Medizintechnik heranzubilden, der sich hauptsächlich im akademischen Bereich etabliert. Langfristig ist auch die Einrichtung eines Graduiertenkollegs zur Weiterbildung geplant.
Die Forschungsschwerpunkte
Derart gezielt ausgebildete Absolventen wären natürlich in allen Forschungsgebieten des IZST hoch willkommen. Die Forschungsthemen wurden zunächst in acht Themenbereichen/Clustern zusammengefasst, die von zwei Sprechern - je einer aus jeder Universität - betreut werden:
- Bildgebende Verfahren/Bildverarbeitung
- Funktionale Werkstoffe, Oberflächen und Implantate
- Sensorik an Mehrkomponentensystemen bis hin zu Einzelmolekülen
- Biomedizinische Signalverarbeitung
- Intelligente Assistenzsysteme für operative Eingriffe
- Biomechanik/Bionik
- Ergonomie
- Systemorganisation/Telemedizin
Diese Struktur ist nicht für alle Zeiten festgemeißelt - vor allem eine Erweiterung ist im Verlauf der weiteren Entwicklung des IZST erwünscht und wird angestrebt. Zum Teil werden bereits weit gediehene Arbeiten gemeinsam im Rahmen von DFG- oder BMBF-Projekten fortgeführt, die ihre ersten Meilensteine schon geschafft haben. Andere ehrgeizige Projekte sind in der Konzept- oder Antragsphase. Allen gemeinsam sind der hohe interdisziplinäre Anspruch und ein großer Erwartungshorizont, was den praktischen Nutzen für die Medizintechnik angeht.
Weitere Artikel in dieser Reihe:
20.02.2008 Bildgebende Verfahren: Neue Konzepte für die Medizintechnik
