22.02.2010
Interview mit Wolf-Dieter Kiessling
INPUT-Interview mit Wolf-Dieter Kiessling anlässlich des hundertjährigen Jubiläums der Beutter GmbH
Die Beutter GmbH & Co.KG ist ein Spezialist fürs Präzise und Kleine. „Unser Spezialgebiet sind mechanische Komponenten im Millimeterbereich“, sagt Dr. Ing. Wolf-Dieter Kiessling, Geschäftsführer des mittelständischen Feinmechanik-Zulieferers mit Sitz in Rosenfeld. Der Hang zur Miniatur hat Tradition: Beutter wurde 1909 als Uhrenfabrik gegründet. Nach dem zweiten Weltkrieg wandelte sich das Unternehmen dann zunehmend zum Hersteller feinmechanischer Komponenten. Neben Luftfahrt- und Wehrtechnik gewann auch die Medizintechnikbranche bald an Bedeutung. Heute macht Beutter etwa 15 Prozent seines Umsatzes mit Medizintechnikprodukten. Diesen Anteil will Kiessling nun weiter steigern. Dazu sucht er vor allem den Kontakt zu kleineren Medizintechnikherstellern und Endanwendern, um gemeinsam Entwicklungsprojekte auf den Weg zu bringen.
Herr Kiessling, die Firma Beutter hat gerade ihr hundertjähriges Jubiläum gefeiert. In diesen hundert Jahren hat sich das Unternehmen von einer Uhrenfabrik zum Zulieferer feinmechanischer Komponenten entwickelt. Wie kam es zu dieser Wandlung?
Dazu muss ich etwas weiter ausholen. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die in Pforzheim ansässige und im Krieg zerstörte Uhrenfabrik in Rosenfeld wieder aufgebaut. Die neu entstandenen Maschinenkapazitäten waren aber nicht ausgelastet, und in den Nachkriegsjahren waren Produktionskapazitäten im Bereich Maschinenbau sehr gefragt. Also baute einer der damalige Geschäftsführer, mein Großvater, neben der Uhrenproduktion einen neuen Geschäftszweig auf: Beutter begann, feinmechanische Komponenten für den Maschinenbau zu liefern. Dieser Geschäftszweig wurde dann im Laufe der Jahre immer wichtiger. Neben Maschinenbau waren auch Messgerätetechnik, Luftfahrt und Wehrtechnik interessant. In den 80er Jahren kam dann schließlich verstärkt Medizintechnik dazu. Wir haben damals ganz systematisch nach neuen Geschäftsfeldern gesucht.
Worin sahen Sie damals das besondere Potenzial der Medizintechnik?
Die Medizintechnik schien mir eine Branche mit großem Zukunftspotenzial. Für die Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit des Menschen wird immer Geld da sein. Innerhalb der Medizintechnik gab es für uns zwei besonders vielversprechende Bereiche: den Bereich der chirurgischen Instrumente und den der Implantate. Mir schienen vor allem Implantate interessant. Hier sind die Möglichkeiten in den letzten Jahrzehnten enorm gewachsen. Die Stückzahlen sind eher klein, und für die Herstellung ist Präzision und viel Know-how erforderlich. Das passte gut zu Beutter.
Was mussten Sie neu lernen, was mussten Sie umstellen um in der Medizintechnik-Branche aktiv zu werden?
Das ist eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang. Wir waren damals bereits für die Herstellung von Bauteilen für die Luftfahrt zertifiziert. In der Luftfahrt gibt es durchaus ähnliche Anforderungen wie in der Medizintechnik: die Bauteile müssen zuverlässig, hoch belastbar, leicht und korrosionsfest sein. Die eingesetzten Materialien und die einzelnen Schritte im Herstellungsprozess müssen sich peinlich genau zurückverfolgen lassen. Der Schritt von der Luftfahrt in die Medizintechnik war deshalb vergleichsweise einfach. Unsere Belegschaft besteht zudem zu über 90 Prozent aus Facharbeitern. Beutter war also eigentlich prädestiniert dafür, solche feinen Dinge zu machen. Man kann sagen, dass wir relativ gute Voraussetzungen hatten, um den Markt der Medizintechnik zu erschließen.
Sicher gibt es in der Medizintechnik auch spezielle Anforderungen...
Was bei Medizintechnikprodukten noch hinzu kommt, sind hohe Anforderungen in Sachen Sauberkeit. Die Medizintechnikhersteller, die wir beliefern, verlangen von uns zunächst, dass die Produkte absolut zeichnungsgerecht sind, aber auch gratfrei, eine hohe Oberflächengüte haben und als Vorstufe einer Produktsterilisation sauber gereinigt sind. Unsere Kunden wollen unsere Komponenten sofort weiter verbauen, ohne vorher noch zusätzliche Schritte durchführen zu müssen. Für einige Produkte braucht man zudem spezielle Produktionsanlagen. Wir haben zum Beispiel Strahlanlagen zur Feinbearbeitung von Oberflächen. Diese Anlagen dürfen ausschließlich für die Herstellung von Implantaten verwendet werden, um eine Verunreinigung mit Fremdstoffen auszuschließen. Daneben sind organisatorische Maßnahmen wichtig. Die strenge Rückverfolgbarkeit vom Ausgangsmaterial bis zum fertigen Produkt, die lückenlose Dokumentation und die Prozessvalidierung, das bedeutet die Festschreibung eines optimierten Fertigungsablaufs. Das alles ist in der DIN EN ISO 13485 festgelegt, nach der unser Qualitätsmanagement für medizintechnische Produkte zertifiziert ist.
Die Region, in der Sie sitzen, ist im Bereich Medizintechnik sehr stark aufgestellt. Welche Rolle spielt dieser regionale Kontext bei der Suche nach neuen Kunden?
Die Unternehmenslandschaft in der Region ist geprägt von kleinen, mittelständischen Unternehmen. Genau mit diesen Unternehmen wollen wir in Kontakt treten. Deshalb habe ich auch den Kontakt mit BioRegio STERN gesucht. Ich möchte die Zusammenarbeit mit den hier ansässigen Medizintechnikunternehmen intensivieren.
Sehen Sie sich dabei nur als Zulieferer von Bauteilen oder können Sie sich auch vorstellen, in der Entwicklung von Produkten aktiv zu werden?
Das machen wir heute schon. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass Beutter sich künftig noch intensiver an der Produktentwicklung beteiligt. Auf der einen Seite sehe ich dabei Endanwender oder Medizintechnikunternehmen, die aus der Praxis heraus neue Anwendungsideen einbringen, auf unserer Seite sitzt der Ingenieur, der bei der technischen Umsetzung hilft und Tipps zur Materialauswahl, Tolerierung und fertigungsgerechten Konstruktion geben kann. So ist das in der Vergangenheit auch schon öfter gelaufen. Zum Beispiel ist einmal ein Chirurg an uns herangetreten, der spezielle Portsysteme kaufte, mit denen er aber bei der praktischen Anwendung nicht ganz zufrieden war. Gemeinsam haben wir das bestehende System an die Wünsche des Chirurgen angepasst. Daraus ist schließlich ein vollkommen neues Produkt entstanden.
Wie sieht es mit der Kommunikation zwischen Medizinern und Ingenieuren aus? Kommt es hier zu Verständigungsschwierigkeiten?
Natürlich gibt es Unterschiede in der Sprache. Wer als Ingenieur im medizinischen Bereich aktiv werden will, muss irgendwann mal lernen, dass ein Femurnagel ein Titanstift ist, der in den Femur, also in den Markraum des Oberschenkelknochens, eingetrieben wird. Und wenn mir ein Chirurg einen technischen Sachverhalt erläutern will, kann es auch Verständigungsprobleme geben, weil ihm wiederum fertigungstechnische Begriffe fehlen. Es bedarf Einfühlungsvermögen von beiden Seiten, damit man letztlich zu einer gemeinsamen Sprache gelangt. Das macht das Ganze aber auch spannend!
Sie stellen bereits eine Palette unterschiedlichster Medizintechnikprodukte her, von der einfachen Knochenschraube bis zu komplexen Bauteilen für implantierbare Hörgeräte oder künstliche Herzen. Welchen Anteil hat die Medizintechnik heute an Ihrem Jahresumsatz und wo sehen Sie zusätzliches Potenzial in der Medizintechnik?
Wir hatten im Jahr 2008 insgesamt einen Umsatz von 13,2 Millionen Euro, davon etwa fünfzehn Prozent im Bereich Medizintechnik. Das möchte ich nun ganz aktiv weiter ausbauen. Die besten Wachstumschancen sehe ich nach wie vor im Bereich Implantate. Heute werden Implantate ja zunehmend aktiv, man schraubt nicht einfach nur eine Schraube in den Knochen. Der Trend geht zu miniaturisierten „Maschinen“, die im Körper aktiv werden. Solche komplexen Geräte müssen extrem zuverlässig gefertigt werden und dürfen nicht ausfallen. Hier sehen wir unsere Kompetenz.
Gibt es denn bei Beutter bereits Fachkräfte aus dem Medizintechnikbereich?
Momentan noch nicht, aber das ist durchaus ein Punkt, den wir im Auge haben. Wir versuchen derzeit intensiv, neue Kontakte zu knüpfen. Bioregio STERN spielt hier eine wichtige Rolle, und auch die Medical Valley Hechingen Akademie ist von Bedeutung. Unsere Ingenieure werden das Angebot der Akademie künftig intensiv nutzen, um sich in dieser Branche ausbilden und schulen zu lassen.
Experten sehen für die Zukunft einen Trend hin zur Verschmelzung von Medizintechnik und Biotechnologie. Ist dieser Trend ein Thema für Beutter?
Unser Schwerpunkt ist die Herstellung mechanischer Bauteile, Beutter wird also nie ein Gewebezüchter werden. Aber ich weiß, dass das Instrumentarium für die Biotechnologie wiederum auch feinmechanische Komponenten beinhalten und somit für uns interessant werden könnte. Für Zellkulturen braucht man beispielsweise Bioreaktoren, bei denen Feinmechanik eine große Rolle spielt. Ich beobachte die Entwicklung der Biomedizintechnik deshalb sehr intensiv.
Das Interview führte Dietrich von Richthofen im Auftrag von BioRegio STERN.
