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14.06.2009

Interview mit Prof. Waltraud Kessler

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INPUT-Interview mit der Physikerin Waltraud Kessler anlässlich ihrer Berufung in die Arbeitsgruppe Prozessanalytik der Europäischen Arzneibuch-Kommission.

„Zu Beginn wurden wir ausgelacht“, erinnert sich Waltraud Kessler an die Zeit Anfang der neunziger Jahre, als sie und ihr Mann moderne prozessanalytische Verfahren bei den ersten Unternehmen einführten. Die skeptischen Ingenieure wollten nicht glauben, dass man die Produktqualität konstant während der laufenden Produktion prüfen kann..

„Heute geht in vielen Industriezweigen gar nichts mehr ohne solche Online-Verfahren“, sagt die Physikerin. Letzte Bastion ist die pharmazeutische Industrie. Wegen hoher bürokratischer Hürden haben viele Pharmahersteller ihre Produktion noch nicht modernisiert. Das soll sich nun ändern: Seit April dieses Jahres arbeitet Kessler in der Arbeitsgruppe Prozessanalytik der Europäischen Arzneibuch-Kommission Richtlinien für die Online-Prozessüberwachung in der Arzneimittelherstellung aus. „Wir wollen den Pharmafirmen die Einführung der Online-Prozessanalyse erleichtern“, sagt die Honorarprofessorin aus Reutlingen.

Frau Kessler, Sie engagieren sich in der Europäischen Arzneibuch-Kommission für die Modernisierung der Prozessanalytik in der pharmazeutischen Industrie. Dabei geht es um eine bessere Überwachung der Produktqualität. Schwankt die Qualität der Arzneimittel stark?

In vielen Firmen sind die Herstellungsprozesse nicht auf dem Stand der Zeit – man produziert dort genau wie vor zwanzig Jahren. Dabei kann es mitunter durchaus zu großen Schwankungen in der Arzneimittelqualität kommen, zum Beispiel beim Wirkstoffgehalt. Die Ergebnisse werden zwar am Ende der Produktion kontrolliert, aber nur durch Stichproben, von denen man dann auf die Qualität der gesamten Produktcharge schließt. Dieses Verfahren ist mit Unsicherheiten behaftet.

Das klingt gefährlich.

Nein, gefährlich ist es sicher nicht. Trotzdem kann man mit der Online-Prozessanalytik eine wesentlich größere Sicherheit schaffen und zusätzlich auch noch den gesamten Verfahrensablauf optimieren. Und wenn das möglich ist, sollte man es auch tun.

Wie genau funktioniert die Online-Prozessüberwachung?

Bereits während der Produktion, also im Produktionsprozess, wird an zahlreichen Stellen zeitnah überwacht, ob die Qualität stimmt. Besonders geeignet sind dafür analytische Verfahren wie zum Beispiel die NIR-Spektroskopie und die Raman-Spektroskopie. Stimmt die Qualität nicht, kann man sofort eingreifen, den Fehler suchen und beheben. Im Idealfall kann man sogar die Qualität jeder einzelnen produzierten Tablette kontrollieren.

Für den Patienten ergibt sich daraus mehr Sicherheit, dass sein Medikament auch genau das enthält, was es enthalten soll. Hat der Hersteller auch Vorteile von den neuen Verfahren?

Ja, er hat eigentlich nur Vorteile davon. Wenn erst am Ende der Produktion die Qualität kontrolliert wird, verliert der Hersteller im schlimmsten Fall eine ganze Produkt-Charge. Mit den Online-Verfahren kann das nicht passieren. Außerdem ermöglicht die Online-Prozessanalytik eine wesentlich flexiblere Produktion.

Wie weit haben sich diese Verfahren in der Industrie inzwischen durchgesetzt?

Aus vielen Industriezweigen ist die Online-Prozessüberwachung nicht mehr wegzudenken. In der chemischen Industrie oder der Papierindustrie ist sie zum Beispiel ein absoluter Verkaufsschlager. In der Pharmaindustrie hat sie sich aber noch nicht durchgesetzt. Hier gibt es bisher nur einzelne Firmen, die solche Verfahren einsetzen.

Warum? Gerade in der Pharmaindustrie ist die Produktqualität doch von besonderer Bedeutung.

Für Arzneimittelhersteller ist es mit einem enormen bürokratischen Aufwand verbunden, neue Produktionsverfahren einzuführen, weil die Zulassung eines Medikaments immer an einen ganz bestimmten Herstellungsprozess gebunden ist. Es ist genau festgelegt, wie lange man bestimmte Substanzen mischen muss oder wie lange ein Zwischenprodukt granulieren soll. Bei der Online-Prozesskontrolle muss man sich nicht sklavisch an solche Protokolle halten, weil man erkennt, wann die Mischung oder das Granulat die gewünschte Qualität erreicht hat. Aber die Pharmaindustrie darf die Produktion trotzdem nicht einfach umstellen. Sie muss erst auf umständlichen Wegen beweisen, dass das Endprodukt das gleiche bleibt.

Wie kann man den Arzneimittelherstellern die Einführung der Online-Prozessüberwachung vereinfachen?

Genau das ist das Ziel unserer Arbeitsgruppe in der Europäischen Arzneibuch-Kommission. Wir arbeiten an EU-weit verbindlichen Richtlinien, an denen sich die Unternehmen bei der Einführung neuer prozessanalytischer Methoden orientieren können. Wenn die Unternehmen sich an diese Richtlinien halten, können sie auch mit einer schnellen und unkomplizierten Genehmigung rechnen.

Ist die Einführung der neuen prozessanalytischen Technologien kostspielig?

Am Anfang schon, denn man muss ja Spektrometer kaufen und den Produktionsprozess anpassen. Die Einführung der neuen Verfahren rentiert sich aber schnell. Schließlich können die Hersteller die Produktion damit auch rationalisieren und sich fehlerhafte Produktchargen ersparen. Die pharmazeutische Industrie hat großes Interesse an der Einführung solcher Verfahren.

Die modernen Verfahren der Prozessanalyse werden sich also immer weiter durchsetzen. Werden von diesem Wachstum auch Unternehmen in der Region profitieren?

In Baden-Württemberg gibt es große Hersteller von Spektrometern, die auch in der Prozessanalytik zum Einsatz kommen, zum Beispiel J&M Analytik in Essingen, Polytec in Waldbronn, Bruker in Ettlingen oder Endress+Hauser Conducta in Gerlingen. Daneben gibt es eine ganze Menge kleinerer Unternehmen und Spin-offs aus den Universitäten, die hoch spezialisierte Lösungen auf diesem Gebiet anbieten, zum Beispiel Microbiolytics in Esslingen.

Sie und Ihr Mann leiten das Steinbeis Transferzentrum für Prozesskontrolle und Datenanalyse in Stuttgart. Was bieten Sie dort an?

Wir beraten Unternehmen bei der Einführung prozessanalytischer Online-Verfahren. Mein Mann ist Chemiker und auf Spektrometrie spezialisiert. Er weiß, welche Messverfahren sich für welchen Produktionsschritt eignen und wie man die Hardware installiert. Ich bin Spezialistin für multivariante Datenanalyse und entwickle Rechenverfahren, mit denen man die großen Datenmengen auswertet, die bei der Prozessüberwachung anfallen. Diese beiden Felder ergänzen sich perfekt – eine ideale Verbindung.

Das Interview führte Dietrich von Richthofen im Auftrag von BioRegio STERN.