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06.03.2009

Interview mit Dr. Angelika Haage und Prof. Bertram Flehmig

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INPUT-Interview mit Dr. Angelika Haage und Prof. Bertram Flehmig anlässlich der positiven Geschäftsbilanz ihrer Firma Mediagnost Gesellschaft für Forschung und Herstellung von Diagnostika GmbH in Zeiten der Wirtschaftskrise..

Gründerfonds und Wagniskapital waren noch Fremdwörter, als Angelika Haage und Bertram Flehmig 1985 die Mediagnost gründeten. „Wir konnten die Gründung vollkommen ohne Fremdkapital finanzieren“, erinnert sich Flehmig, damals Professor an der Abteilung für Virologie und Epidemiologie der Viruskrankheiten am Tübinger Uniklinikum.

Möglich machte das der Großauftrag eines italienischen Diagnostika-Herstellers. Haage, damals Doktorandin am Institut, wurde mit 30 Jahren Geschäftsführerin – Angestellte gab es erstmal keine. Flehmig blieb in der Forschung an der Universität Tübingen und als Gesellschafter an der Firma beteiligt. Heute beschäftigt das Unternehmen 20 Mitarbeiter und stellt hoch spezialisierte Nischenprodukte für die Diagnose und Erforschung von Infektionskrankheiten und endokrinologischen Störungen her. Zu den Kunden zählen Labors und Forschungsinstitute aus Europa, Nordamerika und Asien.

Frau Haage, Herr Flehmig, ich muss Ihnen gratulieren. Während 2008 für die meisten Unternehmen nicht gerade ein Traumjahr war, konnte die Mediagnost das erfolgreichste Geschäftsjahr der Firmengeschichte verzeichnen. Wie kommt das?

Flehmig: In den letzten Jahren haben wir eine Reihe neuer Tests entwickelt, die für Forschungslaboratorien von großem Interesse sind. Die Früchte dieser Entwicklungsarbeit haben wir letztes Jahr geerntet. Das hat in der allgemeinen Abwärtsbewegung bei uns für zusätzlichen Auftrieb gesorgt. Man muss also vor allem unsere forschenden Mitarbeiter loben.

Sie beide haben die Mediagnost vor einem knappen Vierteljahrhundert gemeinsam gegründet, Mediagnost ist damit das zweitälteste Biotech-Unternehmen in Baden-Württemberg. Wie viele Übernahmeangebote haben Sie in der Zwischenzeit abgelehnt?

Haage: Eigentlich nicht so viele, vielleicht drei oder vier.

Flehmig: Wahrscheinlich haben wir den Eindruck vermittelt, dass wir gar nicht übernommen werden wollen. Wir haben ja zur Gründung kein Fremdkapital aufgenommen sondern die Firma mit eigenen Bordmitteln finanziert. Im Gegensatz zu den meisten heutigen Start-up-Firmen hatten wir von Anfang an ein marktfähiges Produkt, mit dem wir die Firma Stück für Stück aufbauen konnten.

Sie waren also keine leichte Beute auf dem heiß umkämpften Diagnostika-Markt... Für große Konzerne ist die Übernahme innovativer Start-up-Unternehmen eine Strategie, um ihren Technologievorsprung zu sichern. Wie behaupten Sie Ihre Marktposition?

Haage: Wir haben uns auf Nischenprodukte spezialisiert. Andernfalls hätten wir auf dem großen Diagnostika-Markt nicht bestehen können. Unser erstes Produkt war das Hepatitis A Virus Antigen, das bis heute nur wenige Firmen weltweit produzieren können. Außerdem stellen wir Test-Kits für die Endokrinologie her, also für die Analyse von Hormonen. Hier gibt es zwar größere Konkurrenz, wir konzentrieren uns aber in erster Linie auf den Forschungsbereich, und das ist wiederum auch ein Nischenmarkt.

Flehmig: Die großen Firmen haben ihre Testverfahren automatisiert dadurch können große Laboratorien große Probenzahlen abarbeiten. Wir bedienen kleinere Forschungslaboratorien die mit unseren Produkten die Untersuchungen in Handarbeit durchführen. Bei solchen Mengen lohnt sich eine Automatisierung nicht. Die großen Konkurrenten dringen deshalb in solche Marktbereiche kaum vor.

Herr Flehmig, Sie arbeiten in der Kinderklinik an der Universität Tübingen. Sind Sie dort auf Späherposten, auf der Suche nach neuen Märkten und Technologien?

Flehmig: Die Mediagnost hat Kontakte zu mehreren Universitäten, die zum Teil durch mich zustande gekommen sind. Inzwischen muss ich diese Funktion aber nicht mehr übernehmen, weil es bei Mediagnost genügend Eigeninitiative gibt.

Welche Rolle spielt der Kontakt mit der Universität für die Firma?

Haage: Der Technologietransfer aus Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen in unsere Firma ist Teil unserer Firmenphilosophie. Wir haben inzwischen eine Reihe von Lizenzgebern, die im Laufe der Jahre mit Testverfahren aus dem Forschungsbereich an uns heran getreten sind. Wir haben diese Tests dann erfolgreich zu marktfähigen Produkten weiterentwickelt.

Ist das nach wie vor Ihre Strategie?

Haage: Momentan gibt es keine solchen Transferprojekte. Wir konnten aber unsere Angebotspalette in den letzten Jahren trotzdem gut erweitern, weil wir sehr aktiv und erfolgreich selbst Forschungsprojekte akquirieren konnten. In anderen Verbundprojekten mit universitären Forschungspartnern sind auch marktfähige Produkte entstanden.

Flehmig: Natürlich beobachten wir trotzdem weiterhin, was es im Forschungsbereich neues gibt. Wenn zum Beispiel im Bereich Adipositas neue Marker gefunden werden, können wir sehr schnell Testverfahren dafür entwickeln. So spüren wir ständig neue Marktnischen auf.

Sie erwähnten eingangs, dass Sie die Firmengründung ohne Fremdkapital finanzieren konnten, Venture-Finanzierung war damals noch ein Fremdwort. Das steht in krassem Gegensatz zur heutigen Gründungskultur, wo junge Unternehmer mit Gründungsdarlehen, Wagniskapital oder Privatinvestoren rechnen. Hatte dieser Sprung ins kalte Wasser auch Vorteile?

Haage: Das hatte eigentlich nur Vorteile weil wir selbst bestimmen konnten was wir machen. Damals kam von einer großen Diagnostik-Firma aus Italien eine Anfrage an uns, ob wir eine große Menge Hepatitis A Virus Antigen produzieren könnten. An der Universität war das nicht möglich, also entschieden wir uns für die Gründung von Mediagnost. Der Auftrag war so groß, dass wir damit unsere ersten Räumlichkeiten ausstatten konnten. Angestellte mussten wir ja keine finanzieren – ich war Geschäftsführerin und einzige Mitarbeiterin zugleich. Inzwischen beschäftigen wir 20 Mitarbeiter und haben Herrn Dr. Lutz Pridzun, einen sehr forschungsstarken Mitarbeiter, zum zweiten Geschäftsführer berufen.

Flehmig: Für mich brachte die Gründung allerdings auch Nachteile mit sich, weil man damals die Nase rümpfte, wenn sich ein Professor wirtschaftlich engagierte. Inzwischen ist das ja anders, heutzutage ist man als Professor verpflichtet, den Technologietransfer zu unterstützen.

Im Jahr 2002 haben Sie eine Tochterniederlassung in den USA gegründet. Konnten Sie sich inzwischen schon auf dem neuen Markt etablieren?

Haage: Auf dem Markt waren wir bereits vorher über Vertriebspartner etabliert. Die Niederlassung vor Ort ist vor allem für die FDA-Zulassung unserer Produkte von Vorteil. Außerdem kann man durch eine direkte Präsenz leichter Forschungskooperationen mit amerikanischen Wissenschaftlern einfädeln und koordinieren.

Wenn man sich die Liste Ihrer Vertriebspartner anschaut, fällt auf, dass alle auf der Nordhalbkugel sitzen. Kontinente wie Afrika oder Lateinamerika werden aber zunehmend auch als viel versprechende Zukunftsmärkte wahrgenommen, gerade auch im medizinischen Bereich. Um diese Märkte zu bedienen, muss man allerdings seine Produkte an die spezifischen Gegebenheiten vor Ort anpassen. Ist die Südhalbkugel für Sie als Absatzmarkt interessant?

Haage: Ein Großteil unserer Produkte ist sehr hochpreisig und deshalb in den Ländern der Nordhalbkugel leichter zu verkaufen. Wir arbeiten aber zur Zeit an der Herstellung eines neuen Virusstammes, der in Zukunft eine wesentlich kostengünstigere Impfstoff-Produktion ermöglichen soll. Mit diesem Produkt können wir dann Impfstoffhersteller beliefern, die auf die Märkte in Schwellenländern abzielen. Wir haben diesen Markt also auch im Auge – wenn auch indirekt.

Das Interview führte Dietrich von Richthofen im Auftrag von Bioregio STERN.