Startseite english

04.02.2010

Interview mit Alexander Maute

INPUT-Interview mit Alexander Maute anlässlich der Einweihung einer neuen Produktionshalle der Joma Polytec GmbH in Bodelshausen.

A-Maute_joma-hydro_INPUT.jpg

Mit Zahnarztstühlen und chirurgischen Instrumenten fing es an: Die Joma-Polytec GmbH, 1958 unter dem Namen Joma-Plastik GmbH gegründet, ist seit ihren Anfängen in der Medizintechnikbranche aktiv. 1986 begann das auf Kunststoffteile spezialisierte Unternehmen, Automobilhersteller zu beliefern – heute ist Joma-Polytec in zahlreichen Branchen tätig. Diese „Vielsprachigkeit“ sei von großer Bedeutung, betont Alexander Maute, der das Familienunternehmen gemeinsam mit seinem Bruder führt: „Wir dürfen das Thema „Kerngeschäft“ nicht an Branchen festnageln.“ Das Geschäftsfeld Medizintechnik werde in Zukunft wieder an Bedeutung zunehmen. Eine ganz neue Richtung für das Unternehmen eröffnen jedoch die jüngsten Entwicklungen in der Biotechnologie: bei der Herstellung von Produkten für die Molekulardiagnostik hat Joma-Polytec bereits Erfahrungen in der Branche gesammelt, dieser Bereich soll nun weiter ausgebaut werden. „Die Biotechnologie ist ein Zukunftsmarkt“, ist Maute überzeugt, „und da wollen wir unbedingt dabei sein.“

Herr Maute, der Automobilsektor ist ein wichtiges Geschäftsfeld für Joma-Polytec. Hat Ihr Unternehmen durch die Finanzkrise gelitten?

Ja, wir sind getroffen worden, und es hat wehgetan. Der Gesamtumsatz ist bei uns um acht Prozent geschrumpft. Wir beliefern im Automobilsektor hauptsächlich Hersteller von Premiummarken. Hier sind die Absätze in der Finanzkrise besonders stark zurückgegangen. Aber da muss man sich als Unternehmen gemeinsam durchkämpfen. Wir haben trotz Einbußen keine Mitarbeiter entlassen.

Viele Autozulieferer haben während der Krise in anderen Geschäftsbereichen ihr Glück gesucht – vor allem in Bereichen wie Medizintechnik und Solartechnik. Ist bei Ihnen die Bedeutung des Medizintechnik-Sektors gestiegen?

Das Thema Medizinindustrie hat sich im Krisenjahr sicherlich bei vielen Firmen in den Vordergrund gestellt. Wenn man aber zurückschaut, sieht man, dass schon im Jahr 2005 viele Zulieferanten neue Geschäftsfelder gesucht haben. Das liegt vor allem an dem wachsenden Preisdruck, den die Automobilhersteller auf die Zulieferer ausüben. Die Krise hat den Trend, sich andere Märkte zu erschließen, nun noch mal zusätzlich verstärkt. Heute versuchen viele einen radikalen Schwenk in Richtung Medizinindustrie, Solarindustrie oder Umwelttechnik. Das halte ich aber auch für den falschen Weg: Wir dürfen nicht wie die Lemminge nur in eine Richtung laufen. Entscheidend ist die Vielsprachigkeit, also die Fähigkeit, mit den eigenen Kompetenzen viele verschiedene Branchen bedienen zu können.

Ende vergangenen Jahres haben Sie eine neue Produktionshalle fertiggestellt. Was wird da gefertigt?

Wir haben die gesamte Kunststofffertigung in die neue Halle verlagert. Hier entstehen Produkte im Automobil- und im Solarbereich. Im alten Standort werden nun hauptsächlich Öl- und Vakuumpumpen gefertigt. Einen Teil werden wir aber auch für die Fertigung von diagnostischen Produkten für die Curetis AG ausbauen.

Von Ansaugrohren und Ölpumpen zur Molekulardiagnostik, ist das nicht ein etwas großer Schritt?

Wie gesagt, wir waren schon immer vielsprachig. Wir liefern Teile für Herzlungenmaschinen, Herzklappen und Nierensteinzertrümmerer. Dass wir bereits mehrere Produktsprachen beherrschen, verschafft uns einen großen Vorteil bei der Erschließung neuer Geschäftsfelder. Um die Produktion von Automobilteilen auf Medizinprodukte umzustellen, muss man die Sprache der Medizinleute kennen. Wenn man beispielsweise im Medizinbereich von Restschmutz spricht, dann bedeutet das etwas anderes als in der Automobilbranche.

Wie hat sich der Kontakt zu Curetis ergeben?

Hier hat die BioRegio STERN eine ganz entscheidende Rolle gespielt. Ohne ihre Initiative wäre der Kontakt niemals zustande gekommen. Wir suchen den engen Kontakt zu BioRegio, weil wir dadurch die Gelegenheit haben, mit Unternehmern aus den Bereichen Medizintechnik und Biotechnologie zusammenzukommen und die Sprache dieser Branchen zu lernen. Inzwischen sind weitere Verbindungen entstanden – unter anderem haben wir auf einer internationalen Netzwerkveranstaltung der BioRegio STERN den Kontakt zu einer niederländischen Diagnostika-Firma geknüpft. Dieses Zusammenführen war für uns bis jetzt immer gewinnbringend.

Welche Fertigkeiten bringt der Kunststoffspezialist Joma-Polytec für die Produktion von Biotech- und Medtechprodukten mit?

Unsere Stärken liegen in der intelligenten Produktaufbereitung für den Diagnostikbereich, im Zusammenführen von verschiedenen Medien und Flüssigkeiten und in der Analytik.

Bleibt Ihr Unternehmen Zulieferer oder werden Sie irgendwann selber marktfähige Produkte entwickeln?

Die Tendenz geht dahin, dass wir immer mehr Metallteile, Gummiteile und elektronische Bauteile zukaufen, um dann komplette Systeme für unsere Kunden zu fertigen. Hier haben wir als Zulieferer für die Automobilindustrie viel gelernt, zum Beispiel in Sachen Qualitätssicherung. Diese Erfahrung bringen wir jetzt bei der Produktion für Medizintechnik und Biotechnologie ein, indem wir zunehmend komplexe Komponenten und komplette Systeme liefern. Unsere Kunden machen oft nur noch die Endmontage und bringen das Produkt auf den Markt. Gerade für junge Startups sind wir damit ein wichtiger Ansprechpartner geworden. Ich bin davon überzeugt, dass die Medizinindustrie eines Tages ähnlich stark auf System-Zulieferer zurückgreifen wird wie heute schon die Automobilindustrie.

Welche konkreten Pläne haben Sie in den Bereichen Medizintechnik und Biotechnologie für die Zukunft?

Gerade durch die vielen Neuerungen in der Biotechnologie haben sich in den vergangenen Jahren zahlreiche Möglichkeiten aufgetan. Wir haben zahlreiche konkrete Projekte auf den Weg gebracht, ich kann aber wegen Geheimhaltungsvereinbarungen noch nichts Genaueres verraten. Nur soviel: Wir haben in dem Bereich viel entwickelt und sind patentmäßig sehr gut abgesichert. Wir sehen die Biotechnologie als einen Zukunftsmarkt und wollen auf jeden Fall dabei sein. Und wir unterstreichen diese Absicht durch den massiven Ausbau unserer Reinraumtechnologie.

Das Interview führte Dietrich von Richthofen im Auftrag von BioRegio STERN.