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15.09.2009

INPUT-Interview mit Prof. Dr. h.c. Lothar Späth

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INPUT-Interview mit Prof. Dr. h.c. Lothar Späth, Ministerpräsident a.D. und ehemaliger Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender der Jenoptik AG.

„Wir müssen in Deutschland ein besseres Gründungsklima schaffen“, sagt Lothar Späth. Viele junge Leute seien im Prinzip gründungswillig, schreckten aber vor dem Weg durch die Instanzen und Behörden zurück. Der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg und erfahrene Unternehmer plädiert deshalb vor allem für den Abbau von Bürokratie und schlägt vor, Studenten bereits an der Universität stärker mit wirtschaftlichen Lebenswirklichkeiten zu konfrontieren. Am wichtigsten aber sei es, ein Klima gegenseitigen Vertrauens zu schaffen. „Vertrauen ist der Sozialkitt unserer Gesellschaft“, zitiert Späth den Philosophen Hermann Lübbe. Nur so könne ein Klima erzeugt werden, in dem neue Dinge entstehen.

Herr Späth, das Gründungsklima in Deutschland erhält im internationalen Vergleich regelmäßig schlechte Noten. Ist ein Klimawandel in Sicht?

Uns bleibt gar nichts anderes übrig. Wenn wir es nicht schaffen, die Zahl der Gründungen gewaltig zu erhöhen, kriegen wir niemals die Wachstumsraten hin, die wir brauchen. Wir werden zwar durch kürzere Produktionszeiten und stärkeren Maschineneinsatz eine weitere Rationalisierungswelle bekommen, die auch die Produktivität steigern wird, noch wichtiger ist aber eine neue Innovationswelle: wir brauchen neue Produkte, neue Problemlösungen. Und die können nur aus der neuen Generation und aus dem Forschungssektor kommen.

Eine internationale Studie hat gezeigt, dass die Risikobereitschaft in unternehmerischen Fragen in Deutschland wesentlich niedriger ist als in anderen Ländern. Eine Frage der Mentalität oder das Ergebnis gesellschaftlicher und politischer Rahmenbedingungen?

Ich würde sagen, dass es eine Mentalitätsfrage ist. Allerdings kann diese Grundhaltung erheblich beeinflusst werden. Wir müssen Ängste abbauen. Da sind unsere Banken genauso gefragt wie Fördereinrichtungen. Auch der Respekt vor unternehmerischen Leistungen muss steigen. Viele Jungunternehmer verzichten in der Anfangsphase ihrer Gründung auf vieles und haben dafür mehr Anerkennung verdient, als sie hierzulande erhalten.

Solche Anerkennung erhalten Gründer ja zum Beispiel durch Wettbewerbe. Auf dem Sommerfest in Esslingen wurden die Preise des Science2Start-Ideenwettbewerbs verliehen. Damit zeichnet BioRegio STERN junge Wissenschaftler aus, die aus ihren Forschungsergebnissen anwendungsorientierte Ideen entwickeln.

Ich halte solche Programme für wichtig und gut. In den Forschungszentren entstehen viele Forschungsergebnisse, die sozusagen als Nebenwirkung starkes wirtschaftliches Potenzial bergen. Solche Ergebnisse bleiben zu häufig ungenutzt. Organisationen wie beispielsweise die BioRegio-Initiativen, aber auch Business Angels, können hier in der Anfangsphase viel Unterstützung bieten.

Trotz zahlreicher Programme zur Gründungsförderung und zum Wissenstransfer sinkt die Zahl der High-Tech-Gründungen in Deutschland konstant. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Uns fehlt die Begeisterung für mutige Selbstgründungen. Viele junge Leute wollen zwar gründen, fürchten aber den Weg durch die Instanzen und Behörden. Wer in Deutschland ein Unternehmen gründet, ist unentwegt mit bürokratischen Dingen beschäftigt, Dingen also, die nichts mit dem eigentlichen Produkt und seiner Entwicklung zu tun haben. Als erstes müssen wir deshalb bürokratische Hürden aus dem Weg räumen. Die meisten jungen Unternehmer werden in ihrem Studium außerdem kaum mit den Lebenswirklichkeiten der Wirtschaft konfrontiert. Um das zu ändern, sollten wir den Studierenden den Austausch mit Unternehmern ermöglichen, die von ihren Erfahrungen berichten. Solche Informationen können den jungen Leuten Mut machen und das Gründungsklima verbessern.

Im Rahmen des Science2Start-Programms vermittelt BioRegio STERN gründungswilligen Wissenschaftlern den Kontakt zu MBA-Studenten, die das Projekt in ihre Masterarbeit integrieren und den Forschern bei Themen wie Finanzplanung oder Businessplan unter die Arme greifen. Kann das eine Lösung sein, um die Kluft zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu überbrücken?

Es geht auf jeden Fall in die richtige Richtung. Der Austausch mit erfahrenen Praktikern ist wichtig. Eine Idee wären zum Beispiel Treffen mit älteren Unternehmern, die in einer Clubatmosphäre ihre Erfahrungen mit Studenten beider Richtungen teilen. Ich kenne viele Leute, die mit Freude bereit wären bei so etwas mitzumachen.

Ein neuer Trend in der Wirtschaftsförderung ist die Clusterbildung. Kann Deutschland von stark profilierten Regionen profitieren?

Cluster sind auf jeden Fall der richtige Ansatz. Das hat sich schon in den achtziger Jahren in Ulm gezeigt. Als Antwort auf eine massive Krise haben wir damals gezielt einzelne Sektoren ausgebaut: die Hochschulen erreichten gemeinsam mit einigen privaten Investoren die kritische Größe, um einen Cluster zu bilden. Dieses Modell ließ sich später problemlos auf Jena übertragen. Mittlerweile ist dort eine sehr lebhafte Unternehmenslandschaft entstanden. Auch in Tuttlingen zeigt sich, dass Cluster ein Erfolgsmodell sind. Die dort ansässigen Medizintechnikunternehmen gehören zur Weltspitze.

Der Dokumentarfilm „Auf Messers Schneide“ hat eindrucksvoll gezeigt, dass besonders handwerklich orientierte Medizintechnik-Betriebe in Tuttlingen zunehmend die Konkurrenz aus Billiglohnländern spüren, zum Beispiel wenn chirurgische Instrumente in Pakistan mit hervorragender Qualität zu einem Bruchteil der hiesigen Preise gefertigt werden. Droht dem Medizintechnik-Sektor die Basarökonomie?

Alle sind bedroht von preiswerteren Produkten mit vergleichbarer Qualität. Aber in Sachen Hochtechnologie und Wertschöpfung haben deutsche Medizintechnikunternehmen trotzdem noch die Nase vorn. Hochwertige Komponenten für Medizintechnikgeräte können trotzdem zunehmend aus dem Ausland kommen. Darin steckt aber auch eine Chance: unsere produzierende Industrie könnte eine kleine Renaissance erleben, weil sich die Chinesen wegen der hohen Qualitätsanforderungen nicht auf ihre eigene Produktionstechnologie verlassen können – das gibt uns die Chance, unsere Maschinen für die Produktion zu verkaufen.

Die BioRegio STERN hat ein Programm aufgelegt, um Medizintechnik und Biotechnologie zusammen zu bringen. Inwiefern kann die Biotechnologie andere Wirtschaftszweige befruchten?

Ich glaube, dass die Biotechnologie in den verschiedensten Bereichen zu neuen Entwicklungen führen kann. Es gibt Querverbindungen zum Energiesektor, zur Medizin, zur Nanotechnologie, zur Materialforschung. Da tut sich ein weites Feld auf, und die verschiedenen Zweige werden sich gegenseitig befruchten.

Trotz des großen Potenzials gibt es in Deutschland starke Vorbehalte gegen Technologien wie die Zelltherapie, die Stammzellforschung und das Klonen. Brauchen wir eine permissivere Forschungspolitik?

Das sind natürlich große, verantwortungsvolle Entscheidungen. Aber wir brauchen schon mehr Spielräume. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht die Ethikskala diskutieren während die anderen die Produkte herstellen. In den wichtigsten Feldern sollten wir die Möglichkeit haben, mitzumachen. Die Forscher lassen sich sowieso nicht abhalten: was sie in Deutschland nicht dürfen, machen sie in den USA oder Japan.

Auch in Sachen Gründungsklima haben andere Länder die Nase vorn. Was können wir von ihnen lernen?

Die USA haben hier einen großen Vorsprung und auch einige europäische Länder haben ein besseres Gründungsklima. Das ist aber noch nicht tragisch. Mir ist wichtig, dass wir begreifen, wie abhängig Deutschland von neuen Technologien und Innovationen ist. Wir müssen Vertrauen zwischen Wissenschaft und Politik schaffen. Der Philosoph Hermann Lübbe hat gesagt, Vertrauen sei der Sozialkitt unserer Gesellschaft. Wenn wir uns nicht gegenseitig vertrauen, schaffen wir ein Klima, in dem nichts neues entsteht.

Das Interview führte Dietrich von Richthofen im Auftrag von BioRegio STERN

Förderprojekt "Science2start"

Um die Zahl der nachhaltigen Existenzgründungen in Baden-Württemberg zu erhöhen, startete das Ministerium im Februar 2008 den Förderaufruf „Zielgruppen- und branchenspezifische Maßnahmen zur Unterstützung von Existenzgründungen“, die aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds „Regionale Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung“ finanziert wird.
Mit „Science2Start – Unternehmensgründungen im Life Science Bereich gezielt fördern und unterstützen“ will die BioRegio STERN Management GmbH noch mehr erfolgreiche Gründungen auf den Weg bringen. Zu diesem Zweck ist ein Science2Start-Ideenwettbewerb ins Leben gerufen worden. Er soll Wissenschaftler an Hochschulen und Forschungsinstituten ansprechen und für das Thema Gründung sensibilisieren. Prämiert werden Ideen, die wissenschaftliche Exzellenz und gleichzeitig Vermarktungspotenzial haben. Darüber hinaus sorgt eine Science2Start-Lounge für Kontakte und Erfahrungsaustausch. Das Science2Business-Programm und Roadshows an allen relevanten Hochschulen und Forschungsinstituten vervollständigen die Angebote, die Gründern und jungen Unternehmern die notwendigen Hilfestellungen geben und sie in das Netzwerk integrieren.

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